Heimkinos

Reportage

Aufmacher

Studio D.I.Y.

Götterdämmerung unterm Dach

von Cai Brockmann (heimkinomarkt.de)


Der schnittige Sportwagen ist längst eingetauscht. Gegen eine bequemere, höhere Limousine. Denn dieses Ein- und Aussteigen auf Dackelhöhe – das muss nun wirklich nicht mehr sein. Findet Herr L., Pensionist und Ex-Sportwagenfahrer. Und wirkt trotzdem jung, weil jung geblieben ...

Herr L. weiß seine Freizeit zu genießen. Der ehemalige Software-Ingenieur hört zum Beispiel gern und viel Musik, auf absolutem Highend-Niveau. Und er bereist lebenslustig die Welt, quer durch alle Kontinente – und stets mit einer erstklassigen Videokamera zur Hand. Zu Hause stellt er daraus sein eigenes HD-Programm zusammen, volldigital am schnellen Rechner, in aller Ruhe und mit akribischer Liebe zum Detail.

Zur Premiere lädt Herr L. dann ins heimische Kino ein – und präsentiert die selbstgeschnittenen Top-Produktionen in chilischarfer HD-Bildqualität und mit überragendem Surroundsound. Darunter tut’s der anspruchsvolle Do-it-yourself-Regisseur einfach nicht. Diese Abende sind jedesmal ein Fest für Freunde und Familie, aber auch ein ganz persönliches Vergnügen. Überhaupt empfindet Herr L. die moderne Digitaltechnik als echten Segen. Immerhin führte sie den ambitionierten Hobbyfilmer wieder zu den bewegten Bildern zurück.

Vom Kurbelkino bis zum Digi-Beamer
Was das Thema Heimkino betrifft, darf Herr L. als ein Mann der frühesten Stunde gelten – er benennt 1942 (!) als das Jahr seiner Initialzündung. Ein Bobrennen ist es, das den damals Siebenjährigen nachhaltig fasziniert. Doch die rasante Action findet keineswegs auf der Eisbahn, sondern in der guten Stube zu Hause statt: Ein flackeriger Schwarz-Weiß-Projektor mit Handkurbelantrieb wirft den schlittrigen Sportstreifen im Quadratformat auf die Wand, die übliche Klangkulisse rekrutiert sich aus dem mechanischen Rasseln und Rattern des Projektors – und fortan ist der Bub ein erklärter Fan bewegter Bilder. Allerdings wird er seinen ständig steigenden Qualitätsanspruch nicht immer mit der jeweils aktuellen Technik in Einklang bringen können ...

Noch in den fünfziger Jahren arrangiert sich der junge Herr L. mit dem Mangel, will lediglich bewegte Erinnerungen an die Jugend- und Wirtschaftswunderzeit bewahren. Doch in den Sechzigern wendet er sich – von mäßiger Bild- und Tonqualität zunehmend enttäuscht – lieber der fortgeschrittenen Fotografie zu. In den Siebzigern wagt er einen erneuten Heimkino-Versuch mit dem berühmt-berüchtigten Super-8-Format, bleibt aber doch lieber den unvergleichlich schärferen Dias treu, dem Einfangen eines winzigen Moments. Auch die aufkommende Videotechnik der achtziger Jahre kann den Perfektionisten nicht dauerhaft begeistern.

Zugegeben, was die Betriebskosten betrifft, bewegt sich das neue Bild-plus-Ton-Medium erstmals in erschwinglichen Regionen. Doch die Nachbearbeitung des Materials – für Herrn L. ein ebenso liebes Steckenpferd wie Aufnahme oder Präsentation – geschieht ebenfalls rein analog und ist enorm aufwendig. Da die sichtbaren Ergebnisse aber trotzdem zu verrauscht und zu unscharf sind, um im angestrebten Großformat zu überzeugen, beschließt er weiter abzuwarten. Herr L. erwartet mehr, viel mehr.

In den Neunzigern bricht mit der Digitaltechnik – endlich – ein neues Zeitalter an. Plötzlich scheint alles möglich zu sein, wovon er immer geträumt hatte, wirklich alles! Die unbegrenzten Optionen reizen den passionierten Bits-and-Bytes-Profi. Die lang ersehnte verlustfreie Datenbearbeitung am Computer motiviert ihn zur Neu- und Wiederentdeckung von bewegten, tönenden Bildern.

Also weckt Herr L. das faszinierende Hobby behutsam aus der Tiefschlafphase und ist angesichts unbegrenzter Möglichkeiten fest entschlossen, neue digitale Projekte schon bald in voller Pracht auf die eigene Leinwand zu bringen. Die ist zwar noch nicht da, aber ausreichend Spielwiese dürfte vorhanden sein.

Ein ehemaliges Kinderzimmer im Obergeschoss ist zu diesem Zeitpunkt längst schon als HiFi-Stereoraum verplant – da wird sich doch auch ein freies Plätzchen für eine anständige Leinwand finden. Und für einen ordentlichen Projektor. Und für zusätzliche Highend-Boxen samt passender Elektronik, denn professioneller Surroundsound ist natürlich Pflicht. Auch der Schneide- und Editierplatz im Raum schräg gegenüber wird technologisch ordentlich aufgemotzt. Nur so kann er die neue geballte Pixelpower, unter anderem zugespielt von einer feinen HDTV-Kamera, in gebührender Qualität bearbeiten.

Ohrenschmaus & Augenweide
Der Fortschritt lässt sich wahrlich sehen und hören – und neuerdings auch spüren: Als fundamentale Ergänzung der tonstudiogerechten Aktiv-Lautsprecher steht nun auch der exakt passende Subwoofer bereit; ein Profiprodukt aus dem Hause Musikelektronik Geithain, das in einem ganz speziellen Blau lackiert wurde und mit den drei Frontboxen harmoniert. Auch hat die ohnehin schon ausgewogene Klangbalance noch durch das digitale Raumkorrektur-System von Audissey gewonnen – die Sound-Anlage von Herrn L. ist ein Traum für Surround-Gourmets und Audiophile gleichermaßen.

In puncto Bild geht’s sogar noch ein bisschen eindrucksvoller zu. Bei Zuspielern und Bildquellen schöpft Herr L. aus dem Vollen, nutzt die gesamte Bandbreite des modernen Programmangebots aus. Für ihn ist Heimkino „viel mehr als nur DVDs schauen“, und er spricht bevorzugt vom „Multimedia-Raum“. So hat er, neben seiner glühenden Leidenschaft für Eigenproduktionen, auch ein ausgeprägtes Faible für anspruchsvolles TV-Programm. Das gelangt via Premiere-Decoder in HD-Qualität oder auch im guten alten PAL-Format – mit Scaler, versteht sich – auf die maskierbare Leinwand.

Wenn man’s nicht selbst erlebt hat, ist es kaum zu glauben, wie intensiv sogar eine Talkshow wirken kann, wenn nur in Topqualität gesendet und auf der gesamten Übertragungsstrecke das maximal Mögliche „im richtigen Format“ ausgeschöpft wird. Apropos: Eine weitere Stufe der persönlichen Begeisterung haben HD-DVD und Blu-ray bei Herrn L. ausgelöst. Allein der Sprung, den die High-Definition-Version von Gladiator darstellt, bringt den Mann zum Schwärmen. Die Szenen wirken im 21:9-Bildformat, zusammen mit der besseren Auflösung, einfach noch mitreißender.

Um alle nur denkbaren Formate voll auszunutzen, hängt nicht nur ein bestens kalibrierter Röhrenprojektor von Barco unter der Decke: In dessen „Windschatten“, leicht versetzt auf einer eigenen Stellfläche darunter, sorgt ein digitaler Projektor von Xxxxxx(?) für noch mehr Bild-Optionen. Ursprünglich „nur wegen der 2,35:1-Projektion“ angeschafft, erweiterte Herr L. mit dem Digitalprojektor die Spannbreite seiner Bildformate – nicht zuletzt, indem er zusätzlich noch eine anamorphotische Linsenoptik von Optoma aktivieren kann. Diese fährt per Knopfdruck auf einer Schlittenkonstruktion vor die Linse und wird dort exakt arretiert.

In der Ruhe liegt die Pixelpower
Herr L. demonstriert nun beide Projektoren mit unterschiedlichen Bildformaten (von 4:3 über 16:9 bis 21:9) auf seiner Leinwand. Deren Maskierung gibt schrittweise bis zu 3,3 Meter Breite frei, und die kleine Show ist wirklich beeindruckend. Nicht nur die enormen Talente der beiden Beamer, sondern auch die Möglichkeiten entsprechend codierter DVDs werden bis aufs letzte Pixel ausgeschöpft. Und mit dem abschließenden Schritt – volles Breitwandformat in Full HD – wird tatsächlich ein überzeugendes Kinogefühl generiert.

Doch wie schon erwähnt: Das audiovisuelle Highend-Vergnügen ist ein vielfältiges und muss keineswegs von einer DVD stammen. Vielmehr sieht für Herrn L. ein „idealer privater Abend“ häufig exakt so aus: Um Punkt 18 Uhr stimmt er sich auf Klassikradio zum Thema Filmmusik ein – inklusive Interviews und fachlicher Einführung. Wahlweise darf auch ein bestimmter französischer Rundfunksender zum Zug kommen, oder, na klar, ein kleiner, feiner Film aus dem eigenen HD-Studio gleich gegenüber. Herr L. schwört übrigens, dass die Sendequalität des engagierten Rundfunks erheblich besser sein kann als jede DVD, nur hinsichtlich der eigenen Werke hält er sich ein wenig zurück – grundlos, wenn Sie mich fragen.

Um 20 Uhr startet dann auch bei Herrn L. das Hauptabendprogramm. Anlässlich der besten Sendezeit hat er sich vorab aus Hunderten von Sendungen die besten herausgepickt, darunter bemerkenswert häufig aufwendige Dokumentationen – Stichwort: Premiere Discovery. Darüber hinaus bietet dann noch die private Videothek eine vielfältige Auswahl, um den weiteren Verlauf des Abends fürderhin angenehm, aufregend oder einfach nur sensationell zu gestalten.

Wohnraum, Widescreen, Wintergarten
Trotz der überaus verführerischen Möglichkeiten ist Herr L. natürlich nicht ständig in seinen Studios unterm Dach zu finden (und auch nicht ununterbrochen auf Reisen). Jüngst hat er das Wohnzimmer renovieren lassen und bei dieser Gelegenheit auch die dortige „kleine“ AV-Elektronik auf den neuesten Stand gebracht.

Seither genießt er auch im Erdgeschoss neueste Digitaltechnik am Puls der Zeit: All seine brillanten Bilder, DVD-Filme und HDTV-Reportagen erstrahlen in voller HD-Auflösung über ein Kuro-Plasmadisplay, angesteuert von einem Blu-ray-Player, beides von Pioneer. Irgendwelche Kabel sollten übrigens – das Highend-Dachkino dient auch in diesem Punkt als Maßstab – nirgendwo zu sehen sein. Aus diesem Grund – und weil’s optisch so gut mit dem Flachbildschirm harmoniert – greift Herr L. im Wohnzimmer auf ein elegantes 2.1-Soundsystem von Onkyo zurück.

Im angrenzenden Wintergarten – wir sitzen abschließend bei Kaffee, Kuchen und Kinofachsimpelei – fällt mir ein kleines Bild an der Wand auf. Es ist durchaus geeignet, das „Prinzip L.“ auf verblüffend schlichte Art und Weise zu versinnbildlichen. Einige markante Linien des gänzlich harmlosen Landschaftsmotivs laufen nämlich bis weit in den breiten Rahmen hinein – Cinemascope in Öl, sozusagen.

Cai Brockmann