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Reportage

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MOVIEDREAM

Filmpalast nach Maß

von Cai Brockmann (IMAGE Home Entertainment)


Es dauert nur wenige Minuten – und schon haben sich Parkplatzprobleme und Wuchermieten in saubere Luft aufgelöst. Denn von der Mainmetropole Frankfurt bis in den ländlichen Hintertaunus sind es nur ein paar Kilometer. Auf dieser kurzen Strecke ins urbane Einzugsland verschwindet Deutschlands einzige nennenswerte Skyline hinter hügeligen Wiesen, wird abgelöst von Fachwerk-Städtchen, kleineren Bauernhöfen, Einzelhaus-Neubauten und typischen Reihenhaussiedlungen.

Und hier sind wir an der richtigen Adresse. Sind wir es wirklich? Die nüchterne Häuserzeile wirkt bei erster Annäherung fast ein bisschen ... Nein, sie ist in der Tat renovierungswürdig. Doch hinter der Fassade warten jede Menge Überraschungen, wie wir alsbald feststellen. Hier wohnen nämlich nicht nur brave Bürger, sondern auch sympathisch verschrobene Individualisten. Einer davon ist Herr S., in dessen erstaunlichem Refugium wir in den nächsten Stunden zu Gast sein werden.

In der Zwischenzeit betätigt sich draußen irgendein überspannter Nachbar als Hilfspolizist: Später erwartet uns ein bekritzelter Zettel hinterm Scheibenwischer, auf dem er sich über offenkundig nicht vorhandene Fahrkünste und einen verschenkten Meter in der Parkbucht beklagt – und das reicht leider noch nicht aus, um die örtlichen Autoritäten auf den Plan zu rufen ...Hätte dieser Zeitgenosse aus der Nachbarschaft nur eine leise Ahnung davon, wie es ein paar Eingänge weiter allein im Wohnzimmer ausschaut, er würde sofort ein mobiles Räumkommando anfordern.

Das unscheinbare Reihenhaus von Herrn S. unterscheidet sich nämlich drastisch von üblichen Möbelhaus-Prospekten. Und von den Wohnungen drumherum. Denn Herr S., ein freundlicher Mittdreißiger, der tagsüber als Buchhalter bei einer großen Versicherung seine Brötchen verdient, ist ein Home-Cinema-Maniac. Ein Vollblut-Heimkinofreak, der seit dem Hauskauf vor rund zwei Jahren seine Leidenschaft ungebremst ausleben kann. Wohlgemerkt: in einem Reihenhaus! Herr S. entschied sich für die Immobilie aus zwei Gründen. Erstens war sie dank Lage und Allgemeinzustand preisgünstig. Zweitens, und das war letztlich ausschlaggebend, erkannte der cineastische Heimwerker im brachliegenden “Kartoffelkeller” sein zukünftiges privates Kino. Und zwar ein kompromissloses! Was man darüber hinaus nicht sofort erkennen kann, ist die massive und überraschend gut entkoppelte Bauweise der gesamten Häuserzeile – der Sciencefiction-Fan mit reichlich Basspower freut sich noch heute darüber.

Bevor wir uns aber dem Kino zuwenden, sollten, nein, müssen wir unseren Blick noch durch die bemerkenswerte Eingangshalle schweifen lassen. Durch den Raum, der anderswo Wohnzimmer heißt. Herr S. hat darin zwar auch Sofa, Couchtisch und Stereoanlage stehen. Der Rest jedoch hat mit Eiche-Rustikal-Schrankwand und “Röhrender Hirsch in …l” so viel zu tun wie Darth Vader mit Vadder Abraham. Oder Homer Simpson mit den Teletubbies. An der Längswand zum Beispiel sorgen fünf professionelle Flipperautomaten für eine urgemütliche Atmosphäre – aber nur, wenn Herr S. die selbst restaurierten, stromfressenden Mechatronik-Monster auch mal leuchten lässt. Und wenn man auf Spielhöllen-Design steht. In der Ecke gegenüber grüßt lebensgroß Darth Vader, übrigens das erste selbst gebaute 3D-Objekt des Besitzers. Über dem Couchtisch reitet Wile E. Coyote von den Looney Tunes auf einer Bombe.

Auf der Sofalehne lauert eine “Evil Krusty”-Puppe. Und den letzten Rest an Bürgerlichkeit eliminieren zahllose Bilder und Devotionalien von The Simpsons und Futurama. In einer Ecke steht eine gläserne Vitrine, die randvoll mit zig knallbunten Figuren, darunter vielen Raritäten, gefüllt ist. Herr S. bestätigt schmunzelnd meine Vermutung, dass es sich bei dieser extrem farbstarken Mixtur aus Comic-Museum und Bonsai-Las-Vegas eigentlich nur um eine Single-Wohnung handeln kann. Nun, zumindest war das während der Einrichtungsphase so. Unterdessen ist der humorvolle Animationsfreak wieder liiert. Die junge Dame akzeptiert das kaum schwiegermutterkompatible Ambiente ihres Liebsten aber nur, weil sie selbst glühender Futurama-Fan ist – und auf eine eigene Wohnung in Frankfurt zurückgreifen kann.

Als Herr S. dann die Tür zum Allerheiligsten öffnet und wir in die angekündigten Kinokatakomben hinuntersteigen wollen, kommt mir ein Song in den Sinn: “Runter in den Keller und reiß dich zusammen” von Die Antwort. Allerdings muss ich mich hier nicht vor lauter Angst zusammenreißen, sondern vor ehrlicher Begeisterung. Denn was einmal ein schnöder Kellerabgang war, ist jetzt ein Luxusentrè. Ein ganz und gar stilgerecht inszenierter Traum in Textil und Kordelband, der richtige Einstieg in ein Erlebnis aus Licht und Sound!

Was Herr S. da privat betreibt, übertrumpft mühelos sämtliche Off-Kinos, die ich zu meiner Zeit in Berlin kennengelernt habe. Hier wurde ein lang gehegter Traum kunstvoll in handfeste Realität umgesetzt. Und das große “Willkommen” spürt man schon unmittelbar am oberen Eingang: kaum die Tür durchschritten und – zack! – schon ist Kino! Man schreitet auf rotem Veloursteppich mit anthrazitfarbener Einfassung hinab. Filmplakate erstrahlen vor dunklen, teppichbespannten Wänden. Unten im kleinen, feinen Foyer wartet schon Arnold T-2 Schwarzenegger und bietet leckere Lollies auf seinem Kassentresen feil. Rundherum glitzern Halogen-Spots, eine durchlaufende Leuchtschrift-Matrix kündet von kommenden Sensationen.

Aus der illuminierten Riesenfilmrolle an der Decke scheint dezent Musik zu sprudeln. In drei rötlich leuchtenden Wassersäulen, die Arnies Kiosk und den Eingang zum Kino einrahmen, sprudeln ganz andere Dinge, nämlich Luftblasen. Dann öffnet sich die Tür zum Home Cinema Deluxe, untermalt vom Hauptthema des berühmten Jurrassic Park-Themas, und ich ertappe mich dabei, wie ich nach den Tickets suche ... Nach einer solch perfekten Einstimmung sollte sich auch ein hart gesottener Skandalreporter eigentlich über nichts mehr wundern. Und doch bin ich weiterhin beeindruckt: Dieses Lichtspielhaus ist mit 30 Quadratmetern Grundfläche zwar keineswegs riesig, wirkt aber wunderbar großzügig.

Sogar die kellertypische Deckenhöhe von nur 2,15 Metern fällt überhaupt nicht auf. Für die optische Illusion eines sehr viel höheren Raums sorgt eine geschickt installierte, rundum schräg abgesetzt verlaufende Lichtleiste. Tatsächlich aber sind die darin versenkten 25 Halogenspots nur ein Teil der Installation. Der sauber verschraubte und jederzeit zugängliche Umlaufkanal verbirgt nämlich insgesamt drei wichtige Technikstränge. Neben der Lichtsteuerung sind darin auch die Lautsprecherkabel sowie Be- und Entlüftung untergebracht. Dazu später mehr.

Beim ersten Betreten eines Kinosaals hält man unwillkürlich nach seinem Lieblingsplatz Ausschau. Doch bei Herrn S. gibt es praktisch nur Lieblingsplätze. Neun top restaurierte, üppig-bequeme Kinosessel – davon ein Dreiersitz für die Kuschelfraktion – laden zum Herumlümmeln ein und erlauben Beinfreiheit wie in einer Stretchlimousine. Beide Sitzreihen, die hintere per Podest leicht erhöht, bieten optimalen Abstand zur Leinwand. Niemand muss sich den Hals verrenken, selbst bei langen Trekkie-Nächten nicht.

Einzig beim Entern der mittleren Sessel in Reihe 2 wird spürbar, dass es sich hier nicht um ein Original-CinemaxX, sondern um eine feine Taschenausgabe handelt: Die Vollverkleidung des unter der Decke montierten Röhrenprojektors beansprucht Platz, gelegentlicher Kontakt mit Cineastenschädeln wird aber dank Teppichbespannung sanft abgefedert. Apropos “Taschenausgabe”: Jeder Heimkinofan hat mal klein angefangen. Doch es gibt wohl nur Wenige, die sich einer Miniaturisierung mit so viel Enthusiasmus gewidmet haben wie Herr S.: Für ein Preisausschreiben vor ein paar Jahren investierte der aufstrebende LaserDisc-Sammler seinen Jahresurlaub und fertigte ein hinreißend detailliertes 1:10-Modell seines persönlichen Traumkinos an.

Der Hauptgewinn, ein komplettes THX-Lautsprechersystem von Canton, war damit vergeben und brachte das 1:1-Projekt “Movie Dream” mächtig voran. Das kraftvolle 5.1-Set von Canton sorgt übrigens immer noch für starken Surroundsound, mittlerweile jedoch von einem Rear Center unterstützt. Offiziell bietet Canton zwar gar keinen passenden Rear Center an, doch derlei Dinge sieht Herr S. erfrischend pragmatisch. Er installierte einfach einen Centerspeaker aus dem “normalen” Programm. Und höre da: Wie eine Testvorführung beweist, harmoniert der hintere Center sehr gut mit den beiden Rücklautsprechern. Die wiederum sind ebenfalls nicht streng nach THX-Vorschrift seitlich an der Wand, sondern praktisch unsichtbar in zurückgesetzten Säulen installiert.

Das so entstehende Soundfeld wirkt äußerst imposant und klingt trotz Normabweichung homogen. Worin sich dieses Kino jedoch stark von großen Vorbildern unterscheidet, sind die Frontlautsprecher und die beiden Subwoofer. Diese Vier sind frei positioniert und bilden unübersehbar den seitlichen Abschluss der Leinwand. Der Center hingegen macht sich unterhalb der Leinwand in einem leicht aufwärts gerichteten Podest, selbstverständlich eine Eigenkonstruktion, unsichtbar.

Gibt es denn irgendetwas in diesem Kino, das nicht gänzlich “custom made” ist oder zumindest modifiziert wurde? Eigentlich nicht. Selbst ein Teil der Hardware, die Herr S. für Bild und Ton einsetzt, wurde den Wünschen des eifrigen Software-Sammlers angepasst. Der große DVD-Player von Sony beispielsweise ist codefree geschaltet. Doch weil das bei ein paar ganz bestimmten Scheiben immer noch nicht zum problemlosen Abspielen ausreicht, steht ein älterer Pioneer-Kombiplayer aus der DVD-Frühzeit parat, der noch den listigen umschaltbaren Regionalcode besitzt. Geschaltet wird auch beim Barco-Röhrenprojektor. Sogar automatisch.

Die Rede ist allerdings nicht von den Video-Eingängen, sondern von einem Temperaturfühler innerhalb der Verkleidung, der für einen sicheren Betrieb sorgt. Der Projektor wird nämlich über ein eigenes Be- und Entlüftungssystem mit Frischluft versorgt. Und sollte einmal die Temperatur im Projektor-Umfeld moderate 30° C überschreiten, schaltet der sensible Fühler den Barco ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall jemals eintreten wird, tendiert jedoch gegen null. Denn auch die Lüftungsanlage zeugt von Professionalität: Im Heizungsraum nebenan sorgen zwei effiziente Luftverdichter über getrennt einstellbare Kreisläufe für gutes Klima bei Beamer und Besuchern.

Selbst bei “ausverkauftem” Haus genügt es meist, das Saalsystem flüsterleise laufen zu lassen. Nur im letzten Hochsommer, als mehr als ein Dutzend Gleichgesinnter zu Grillparty und anschließender DVD-Premiere in den Hintertaunus einfielen, musste Herr S. die Lüfterleistung nennenswert erhöhen. Aber das war natürlich ein Klacks gegen das Klappstuhl-Sixpack, das nötig war, um alle Gäste im “Movie Dream” unterzubringen. Wie man hört, war es trotzdem ein äußerst gelungener Abend.

Fährt erst einmal das Licht per Futronix-Steuerung automatisch runter und der motorisch betriebene Leinwandvorhang sanft zur Seite, hat sowieso niemand mehr etwas zu meckern. Die langstreckentaugliche, mitunter ins Weiche tendierende Bildeinstellung ist allerdings kein Thema für ernsthafte Kritik, dann schon eher das leichte Streulicht der Acrylglasscheibe vor dem Projektor. Deren Austausch gegen besseres Echtglas ist aber ohnehin beschlossen und in Sekundenschnelle erledigt.

Keinerlei Streulicht ist übrigens, obwohl allesamt im goldenen Outfit glänzend, von den AV-Komponenten zu befürchten. Die helle Farbe fällt deswegen nicht ins Auge, weil die gesamte Kommando-Elektronik um den Denon AVC-1SE hinter der Eingangstür im Eck wohnt; selbstredend in einem – wie sollte es auch anders sein – selbst entworfenen Rack aus Edelstahl und Glas. Das massive Designerteil sieht auch in voll bestücktem Zustand klasse aus, die fixe Wandmontage des guten Stücks birgt in der Praxis allerdings auch eine Tücke.

Die Komplettreinigung des Turms – oder gar die Integration einer neuen AV-Komponente – verschlingt mitunter einen ganzen Tag für Demontage und Wiederanschluss. Aber was zählt schon ein Tag, wenn sich die komplette Einrichtung des Kinos über Monate hingezogen hat. Außerdem zeigt sich bei anderen Gelegenheiten umso deutlicher, wie gut das “Movie Dream”, diese bewundernswerte Mischung aus echter Hobby-Hingabe, Heimwerkerfieber und Hardware, im Alltag funktioniert.

Herr S. hat zwar seit der Fertigstellung des Kinos “Never change a working system” zu seinem Lieblingsmotto erklärt. Falls aber doch ein wenig Service nötig ist, reichen meist Schraubendreher und ein paar Minuten Zeit, um die wichtigen Stellen zu erreichen. Schließlich ist das Grundgerüst dieses Kino-Ausbaus relativ simpel. Es basiert auf stabilen Holzleisten und passgenau zugeschnittenen Holzfaserplatten, wie man sie von einfachen Schrankrückwänden kennt.

Diese werden vor der Montage mit relativ dünnem, aber blickdichtem Rips-Teppich beklebt, der besonders im Messebau gern verwendet wird, weil er eine außerordentlich flexible und “willige” Verarbeitung erlaubt. Umkantungen und Wandverkleidungen sind damit jedenfalls kein Problem. Und das zählt bisweilen genauso viel wie der äußerst niedrige Preis des Textils. Auch dem handwerklich versierten Vater ist Herr S. dankbar, weil der kräftig mit anpackte und somit half, die Gesamtkosten niedrig zu halten.

Und was kostet das nun alles? Lässt man die – zugegeben enormen – Eigenleistungen und die rund 600 DVDs außen vor und summiert “nur” Technik und Ausbaumaterialien, addiert also nicht nur sämtliche Audio- und Videokomponenten (inklusive Lautsprecher!), sondern auch 100 Meter Lautsprecherkabel, 175 Quadratmeter Teppich, 40 Halogenspots, dazu Farben und Stoffe, Holzleisten, Faserplatten und Schrauben, Radiallüfteranlage, Kinosessel, Blubberblasenmacher, die Motorleinwand und selbst die komplette 1:1-Terminator-Figur zusammen, dann stehen unterm Strich ehrliche und beinahe unfassbare 35000 Euro – der “gefühlte” Wert dieses Traumkinos erreicht hingegen locker das Zehnfache! Das stilvolle dicke Kordelband im Treppenabgang hat Herr S. übrigens ebenso selbst gefärbt wie den T-2-Torso selbst gebaut. Aber das erstaunt Sie jetzt auch nicht mehr, stimmt`s?

Cai Brockmann