Fachartikel

Reportage

Aufmacher

Farbkalibrierung

Filme erleben, wie sie der Regisseur gemacht hat

von Joseph Kane und Marcel Gonska


Film ist Kunst. Somit ist es auch im Interesse der Künstler, ihr Werk dem Zuschauer in maximaler Qualität zu präsentieren. Was im Kino durch THX zur Selbstverständlichkeit wurde, ist daheim noch immer häufig nicht möglich. Der Grund sind falsche Bildparameter von Endverbrauchergeräten, die eine korrekte Bildreproduktion vereiteln. Joseph Kane und Marcel Gonska sprechen über die Wichtigkeit von System-Standards und die Möglichkeit, durch sorgfältige Produktwahl und -einstellung Filme im Sinne der Filmemacher zu erleben.

Einem TV-System liegen die vier Elemente "Erschaffung", "Speicherung", "Übertragung" und "Reproduktion" zugrunde

Einem TV-System liegen die vier Elemente "Erschaffung", "Speicherung", "Übertragung" und "Reproduktion" zugrunde

Television-System-Standards – was ist das?
Ein Television- oder Video-System ist, egal ob Standard- oder High-Definition-, als Massenkommunikationssystem konstruiert. Was bedeutet das? Grundlegend betrachtet bedeutet es, dass Content (zu Deutsch: Programminhalt in Bild und Ton) von wenigen Menschen für eine Vielzahl von Konsumenten produziert wird. Grundsätzlich kann ein Massenkommunikationssystem verschiedene Formen annehmen. Es kann Zeitung, Magazin, Radiosender, Kinofilm oder – wie in unserem Fall -– Fernsehen sein. Die grundlegende Übereinstimmung dieser unterschiedlichen Kommunikationssysteme ist die, dass Botschaften, die dem Publikum präsentiert werden, beinahe identisch sind mit dem, was als Botschaft von wenigen Individuen erschaffen beziehungsweise produziert wurde. Tausende Menschen lesen Zeitungen oder Magazine und erhalten identischen Content in Wort und Bild. Zuhörer eines Radiosenders hören dieselbe Botschaft, unabhängig von der Art oder Marke des Radios, das sie verwenden. Radio ist echtes „Plug and play“: Sie schalten es ein, wählen einen Sender, und es liefert Ihnen den gewünschten Content. In einem optimalen Kommunikationssystem halten alle Content-Produzenten festgelegte Regeln ein, damit die Botschaft unverfälscht und einheitlich übertragen werden kann.

Typisches Bild aus dem Elektronik-Fachmarkt: Zwar zeigen alle Displays die gleiche Szene, dennoch sieht diese von Gerät zu Gerät unterschiedlich aus

Typisches Bild aus dem Elektronik-Fachmarkt: Zwar zeigen alle Displays die gleiche Szene, dennoch sieht diese von Gerät zu Gerät unterschiedlich aus

Ob SDTV oder HDTV – jeder macht, was er will
Bei unseren Television-Systemen jedoch ist das bedauerlicherweise anders. Jeder von uns hat sicherlich schon einmal die TV-Ausstellungsfläche eines großen Elektronikmarktes gesehen. Wenn dort 50 TV-Geräte ausgestellt sind, die alle das gleiche Programm zeigen, dann sehen Sie möglicherweise 50 verschiedene Versionen des Bildes. Schon lange war dies ein Problem bei herkömmlichem Standard-Definition-TV, das nun mit Aufkommen und Verbreitung von High-Definition-TV noch verschlimmert wurde. Es gibt wenig Chancen, dass Sie Ihr neues HDTV-Display in Betrieb nehmen und annähernd das erleben, was das HDTV-Massenkommunikationssystem tatsächlich zu bieten hat.
Teil dieses Problems ist die Art, wie Sie TV sehen. Das Bild, das Sie sehen, liegt in der Hand von vielen verschiedenen TV-Geräteherstellern, die alle um Ihre Aufmerksamkeit ringen. Denn wenn alle Displays entsprechend vorgeschriebener TV-Kommunikationsstandards eingestellt wären, dann hätten Sie es sehr schwer, sich für das eine oder andere Produkt zu entscheiden. Hersteller verändern die Bildwiedergabe vorsätzlich in der Hoffnung, Ihnen gefalle die Darstellung des Programms mehr als bei dem TV-Gerät der Konkurrenz ein Regal weiter. Es ist nicht schwer, die Grundlagen eines TV-Systems zu verstehen und diese einzuhalten. Doch bei der Anstrengung, ihr Gerät anders aussehen zu lassen als das der Konkurrenz, verlieren viele Gerätehersteller aus den Augen, sich an die Regeln eines Massenkommunikationssystems zu halten. Das eigentliche Ziel, dass alle Displays am Ende eben doch identische Bilder zeigen sollen, wird somit vereitelt. Die Ironie bei Video als Massenkommunikationssystem ist, dass es so konstruiert wurde, um eine korrekte Wiedergabe kostengünstig und einfach realisierbar zu machen. Ein großer Teil der Anstrengungen und des Geldes jedoch fließen in die Arbeit, die erforderlich ist, um das Bild falsch darzustellen, sodass Sie es auf den Ausstellungsflächen der Elektronikmärkte von denen der Konkurrenz besser unterscheiden können.

In Studios kommen auch heute beinahe ausschließlich CRT-Profi-Monitore als "Absichte" zum Einsatz

In Studios kommen auch heute beinahe ausschließlich CRT-Profi-Monitore als "Absichte" zum Einsatz

Die Referenz – der Studio-Monitor
Das Aussehen oder besser: der „Look“ eines Programms wird innerhalb des Massenkommunikationssystems „Television“ über dessen Darstellung auf einem professionellen Monitor definiert, auf dem das Programm erschaffen wurde. Dieser Monitor ist so konstruiert und kalibriert, dass er den jeweiligen System-Standards entspricht. In Wahrheit entsprechen beinahe alle Profi-Monitore den System-Standards. Ein gut kalibriertes, professionelles Display ist die „Leinwand“, auf der das Program „gemalt“ beziehungsweise die Kunst erschaffen wird. Innerhalb der Limitationen dieser verwendeten „Leinwand und Farben“ können Videoprofis tun, was sie wollen. Wenn sie möchten, können sie Bananen blau darstellen – das ist künstlerische Freiheit. Doch die Art beziehungsweise Farbe sowie Sättigung des Blaus kann nicht über die Limitation des Systems hinausgehen. Durch die Produktion von Content auf einem beständigen, vorgeschriebenen Monitor kann jeder Zuschauer in den Genuss der Filmkunst kommen, insofern er ein Display nutzt, dass der Charakteristik des Monitors aus dem Studio entspricht. Stellen Sie sich vor, wie kompliziert es wäre, wenn Sie Ihr TV-Gerät für jedes neue Programm nachregeln müssten. Wenn der Monitor im Produktionsprozess nicht beständig wäre, wie könnten Sie jemals in Erfahrung bringen, welche Einstellungen an Ihrem Gerät die richtigen sind?
Die Regeln sowohl für das Standard- als auch das High-Definition-Television-System wurden zu einer Zeit festgelegt, als nur eine Display-Technologie auf dem Massenkommunikationsmarkt verfügbar war. Dieser Display-Typ ist bekannt unter der Bezeichnung „Kathodenstrahl-Röhre“ oder kurz: „CRT“. Als damals einzige für Endkonsumenten bezahlbare Bilddarstellungstechnologie wurde die Bildröhre somit als Produktions- und Reproduktionsgerät festgelegt. Die Regeln beider TV-Systeme besagen nicht, dass ein CRT-Gerät genutzt werden muss; es besagt ausschließlich, dass das verwendete Gerät wichtige Charakteristika eines CRT-Monitors aufzuweisen hat. Obwohl wir in der Consumer-Electronics-Welt bereits andere Display-Technologien einsetzen, stellt die Röhre immer noch „Leinwand und Farbe“ für Content-Produktionen dar. Der gut kalibrierte, professionelle Studio-Monitor stellt sicher, dass die „Leinwand“, auf der Content produziert wird, der „Leinwand“ entspricht, die die meisten Leute zu Hause stehen haben: dem Röhrenfernseher. Wenn Sie ein TV-Gerät zu Hause haben, das in der Bildwiedergabe den Regeln eines TV-Systems entspricht, dann sehen Sie Bildmaterial in der Art und Weise, wie es sich der Künstler und Content-Produzent vorgestellt hat. Das Massenkommunikationssystem funktioniert, wofür es erschaffen wurde. Falls Ihr TV-Gerät nicht den Eigenschaften des TV-Systems entspricht, dann treten Fehler in der Kommunikation auf. In anderen Worten: Sie sehen das Bildmaterial nicht wie der Künstler, der den Content an seinem Studio-Monitor erzeugt hat.

Das CIE-1931-Diagramm stellt dar, wie ein Mensch Farben sieht. Die darin enthaltenen Dreiecke sind die per Videostandard definierten Farbräume für PAL (EBU), NTSC (SMPTE-C) und HDTV

Das CIE-1931-Diagramm stellt dar, wie ein Mensch Farben sieht. Die darin enthaltenen Dreiecke sind die per Videostandard definierten Farbräume für PAL (EBU), NTSC (SMPTE-C) und HDTV

Das Imitieren einer Röhre – eine Notwendigkeit
Wie wir alle wissen, wird das heimische CRT-Display immer häufiger durch neue und unterschiedliche Bildtechnologien ersetzt. Jede dieser Technologien ist in der Lage, Farbe, Helligkeit und andere Charakteristika völlig unterschiedlich im Vergleich miteinander zu reproduzieren, und auch die Bildcharakteristik eines CRT-Monitors wird in den seltensten Fällen von neuen Technologien emuliert. Zur Verteidigung neuerer Technologien ist zu sagen, dass sie vor allem im Bereich der Auflösung eines HD-Bildes die Röhre problemlos übertrumpfen. Und das ist gut so. Da viele der Bildcharakteristika neuer Technologien jedoch völlig konträr zu denen einer Röhre stehen, sollte eigentlich unmittelbar klar sein, dass einige der technologischen Fähigkeiten so kontrolliert werden müssen, dass sie in der Bilddarstellung des einkommenden Videosignals die Fähigkeiten eines CRT-Monitors imitieren. Unglücklicherweise werden solche Displays jedoch kaum an Konsumenten verkauft.
Durch die individuelle Kommunikation neuer Technologien sowie deren Fertigkeiten wird häufig der eigentlichen Verantwortung gegenüber den Massenkommunikationssystemen der Rücken gekehrt. Wir sind der Meinung, dass alle neuartigen Display-Technologien die Option aufweisen müssen, „Leinwand und Farbe“ des Künstlers aus dem Studio korrekt wiederzugeben, wie vom System vorgegeben. In anderen Worten: Jedes digitale Display muss in der Lage sein, das Bild eines analogen CRT-Monitors zu imitieren, um den festgesetzten System-Standards zu entsprechen. Wir erwähnen dies, da jegliche Entfernung von System-Spezifikationen – sei es Farbdarstellung oder Transfer-Funktion – unweigerlich zu einem Verlust von Bildqualität führt. Dabei ist es egal, ob die neuen TV-Geräte einen deutlich größeren Farbraum abzudecken vermögen, als ursprünglich in unseren TV-Systemen spezifiziert wurde. Es ist auch egal, dass das Verhältnis von Videosignal zu Lichtausgangsleistung besser sein kann als das eines CRT-Monitors. Wenn das moderne Display nicht eingestellt werden kann, um dem „Look“ des CRT-Studiomonitors und somit den Systemspezifikationen zu entsprechen, dann ist das Bild, was Sie zu Hause sehen, falsch. Sie werden niemals das wahre Potenzial eines TV-Systems erleben.

Der Monitor stellt das inverse, sprich entgegengesetzte Gamma der Kamera dar. Auf diese Weise wird die für unser Auge lineare Helligkeitsdarstellung erzeugt

Der Monitor stellt das inverse, sprich entgegengesetzte Gamma der Kamera dar. Auf diese Weise wird die für unser Auge lineare Helligkeitsdarstellung erzeugt

Was TV-Hersteller sagen und was wir dazu meinen
Lassen Sie uns nun auf zwei Parameter zu sprechen kommen, die wir oben bereits erwähnt haben: Farbqualität und Transfer-Funktion. Falls Sie die Möglichkeit haben, schauen Sie sich einmal eine Wand mit TV-Geräten in einem Elektronikmarkt an. Falls die zugespielte Quelle per Standbild angehalten werden kann, dann wird es Ihnen leicht fallen, die vielen unterschiedlichen Schattierungen von Rot, Grün und Blau zu erkennen, die in den unterschiedlichen Displays dargestellt werden. TV-Hersteller würden Sie ermutigen, das Display zu kaufen, bei dem Ihnen die Farbwiedergabe am besten gefällt. Wir würden Ihnen raten, das TV-Gerät zu kaufen, dessen Grundfarben Rot, Grün und Blau den vorgeschriebenen Grundfarben des System-Standards entsprechen. Ja, möglicherweise mögen Sie eine Farbdarstellung mehr als eine andere, doch das Display wird nicht in der Lage sein, die Farben eines Videosignals korrekt zu reproduzieren, solange es in der Darstellung nicht den System-Standards entspricht.

Ein anderer wichtiger Faktor ist die Transfer-Funktion von Schwarz nach Weiß. Während der Content-Produktion wird ein Videosignal erzeugt, dass die Art der Programmdarstellung vorschreibt. Eine hohe Eingangsspannung repräsentiert dabei den hellen Teil eines Bildes, während eine niedrige Eingangsspannung dunkle Bildanteile repräsentiert. Was wäre, wenn die niedrige Eingangsspannung eine mittlere Bildhelligkeit zur Folge hätte, anstatt wie vorgeschrieben ausschließlich dunkle Bildinhalte zu repräsentieren? Es würde bedeuten, dass das Videosignal nicht ordentlich vom Display interpretiert worden wäre, das Resultat wäre eine falsche Bilddarstellung. Sie fragen sich vielleicht, wie es so weit kommen konnte? Das Spiel lautet: „Wer hat den hellsten Bildschirm?“. Dabei möchte ein TV-Hersteller, dass dunkle Bereiche des Bildes deutlich heller dargestellt werden. Neuere Display-Technologien erfüllen diesen Wunsch bereits ohne weitere Anstrengungen des Herstellers. Tatsächlich müssten jedoch die Lichtausgangs-Fähigkeiten derartig neuer Displays zurückgehalten werden, um die Bilddarstellung eines CRT-Monitors zu imitieren. Wie oft, denken Sie, wird das vom Hersteller auch tatsächlich realisiert? Wie oft, denken Sie, kommt es vor, dass ein Videosignal korrekt auf dem Schirm reproduziert wird? Und was denken Sie, wie wichtig die Transfer-Funktion von Schwarz nach Weiß tatsächlich ist? Es ist jedesmal fragwürdig, ob neue Technologien in ihrer Charakteristik tatsächlich den System-Standards angepasst wurden, damit Sie ein gutes Videobild zu Hause erleben können.

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