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Cinemascope

Weites Land – im Reich der Anamorphoten

von Raphael Vogt


Weite Panoramen und große Totalen schmeicheln dem Auge und geben jedem Film eine gewisse Größe. Das können Sie auch zu Hause haben – MOVIEHOME liefert Hintergrund-Informationen und das nötige Know-how.

Panamorph-OEM-Anamorphot mit Transportschlitten von Optoma. Diese Perspektive lässt die Prismen erkennen (Foto: Optoma)

Panamorph-OEM-Anamorphot mit Transportschlitten von Optoma. Diese Perspektive lässt die Prismen erkennen (Foto: Optoma)

Als offizielle Geburtsstunde des Kinos gilt die Vorführung von zehn circa 45 Sekunden dauernden Filmclips im Indischen Salon des Grand Café in Paris am 28. Dezember 1895. Veranstalter und damit die Urheber des Kinos im heutigen Sinne sind die Brüder Auguste und Louis Lumière aus Lyon, die eine Fabrik für Fotoprodukte betrieben. Ihr erster Filmclip überhaupt, der vor dem staunenden Publikum aus Presse und Prominenz die Vorführung in Paris eröffnete, hieß Sortie des Usines Lumière à Lyon und zeigt die Arbeiter ihrer Fabrik, die in den Feierabend strömen. Auf der Homepage des Institut Lumière kann man diesen ersten aller Kinofilme heute per Quicktime anschauen: http://www.institut-lumière.org/francais/films/1seance/1seance01.html.

Der Kinofilm auf dem 35-mm-Filmstreifen nutzt fast die gesamte Fläche (4:3) aus und erreicht somit die maximale Lichtausbeutung und Schärfe, ist aber gleichzeitig anamorphotisch in der Breite gestaucht (siehe Bild links). Das per anamorphotischer Linse entzerrte Bild (siehe Bild rechts) erscheint dann wieder korrekt auf der Leinwand

Der Kinofilm auf dem 35-mm-Filmstreifen nutzt fast die gesamte Fläche (4:3) aus und erreicht somit die maximale Lichtausbeutung und Schärfe, ist aber gleichzeitig anamorphotisch in der Breite gestaucht (siehe Bild links). Das per anamorphotischer Linse entzerrte Bild (siehe Bild rechts) erscheint dann wieder korrekt auf der Leinwand

Das nahezu quadratische Filmformat im Seitenverhältnis 4:3 lebt bis heute, im Kino und auch als Standard-Fernsehformat. Doch gerade die Einführung des Fernsehens führte zur Entwicklung neuer Filmformate. Insbesondere in den Fünfzigern kam das Kino vor allem in Nordamerika durch die massenhafte Verbreitung des Fernsehens und die wachsende Zahl von Programmen in Bedrängnis. So gingen bis dahin die Leute zum Beispiel ins Kino, um die Nachrichten zu sehen. Einmal pro Woche gab es diese als Zusammenfassung in der sogenannten Wochenschau. Diese Funktion übernahm nun das Pantoffelkino. Schlimmer noch: In den späten Fünfzigern führte die Entwicklung von NTSC zum Start des Farbfernsehens, was dem Kino sogar den Vorteil der Farbwiedergabe streitig machte.

Eine gebogene Leinwand, wie hier die CineCurve© von Stewart, sorgt mit Anamorphoten für gleich lange Projektionswege, entzerrt das Bild, erhält die Schärfe und die Ausleuchtung - www.screenprofessional.de  (Fotos: Stewart)

Eine gebogene Leinwand, wie hier die CineCurve© von Stewart, sorgt mit Anamorphoten für gleich lange Projektionswege, entzerrt das Bild, erhält die Schärfe und die Ausleuchtung - www.screenprofessional.de (Fotos: Stewart)

Hollywood musste sich also dringend etwas ausdenken, um die Zuschauer vom Sofa zu reißen und sie wieder auf die Klappstühle der Kinosäle zu locken. Drei Entwicklungen probierten die Filmstudios, teils in Kombination, aus: 3D-Filme, Panoramaformat und Surroundton. Die 3D-Technik wurde vorwiegend in Low-Budget-Movies eingesetzt und mit Standard-Monosound kombiniert. Die Produzenten und Kinos, die es sich leisten konnten, setzten auf Monumentalfilme und Western mit breiten CinemaScope-Panoramabildern und Surroundton. Das Kniffelige an der Aufgabe, breite Panoramen zu produzieren und reproduzieren, lag darin, dass dies aus Kostengründen mit vorhandenen Mitteln geschehen musste, also mit den bestehenden Kameras, Filmmaterialien und Projektoren. Wieder war es ein Franzose der die passende Erfindung lieferte: Bereits 1927 erfand Professor Henri Chrétien das Anamorphoskop, ein Linsensystem, das Bilder stauchen und strecken konnte.

So sind Cinemascope-Filme aufgezeichnet: im Letterbox-Format mit schwarzen Balken. Das Bild ist kleiner als bei schmaleren Formaten wie 16:9

So sind Cinemascope-Filme aufgezeichnet: im Letterbox-Format mit schwarzen Balken. Das Bild ist kleiner als bei schmaleren Formaten wie 16:9

20th Century Fox erwarb die Patente und konnte mit den anamorphotischen Linsen am Objektiv der Kamera die breiten Bilder im Seitenverhältnis 2,35:1 auf das normale Filmformat 1,33:1 (4:3) stauchen. Auf dem Film landet dann ein Motiv so, dass es horizontal zusammengedrückt aussieht. Weil es aber physikalisch auf den normalen Film passt, lässt es sich wie jeder Film schneiden, duplizieren etc. Nun braucht das Kino nur noch eine breitere Leinwand und die gleiche anamorphotische Linse wie die Kamera vor dem Projektor-Objektiv, und schon sieht der Zuschauer das breitere 2,35:1-Bild. Schärfer ist das Bild übrigens nicht, im Gegenteil. Die gleiche Bildinformation verteilt sich nun auf eine größere respektive breitere Fläche. Dafür ergeben sich neue Möglichkeiten in der Bildgestaltung. Und schließlich entspricht das breitere Bild eher dem menschlichen Gesichtsfeld.

Als ersten Schritt für anamorphotische Projektion muss der Scaler das Bild um ein Drittel vertikal expandieren - das eliminiert auch die schwarzen Balken und nutzt die Helligkeit aller Pixel

Als ersten Schritt für anamorphotische Projektion muss der Scaler das Bild um ein Drittel vertikal expandieren - das eliminiert auch die schwarzen Balken und nutzt die Helligkeit aller Pixel

Bevor nun der informierte Leser protestierend anmerkt, CinemaScope sei weder das erste noch das einzige Verfahren, das Breitbildformat verwendet: Das ist richtig, aber die Marke hat sich für die Summe der Breitbildverfahren als generischer Begriff eingeprägt und im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. Verfahren wie Cinerama, die mehrere Kamera- und Projektorbilder zu einem Motiv zusammensetzen, sind unhandlich und unwirtschaftlich, und mit CinemaScope verwandte Techniken wie Techniscope, Superscope, Ultrapanavision und so weiter wurden schließlich alle gemeinsam in der bis heute in steter Evolution befindlichen SMPTE-Norm („Society of Motion Picture and Television Engineers“) festgeschrieben. Es gibt auch nicht nur ein Breitbild-Format, sondern einige Dutzend, sogar CinemaScope hat mehrfach sein Seitenverhältnis verändert. Mit wenigen Ausnahmen richten sich Filmemacher heute nach der SMPTE-Norm mit einem Seitenverhältnis von 2,39:1. Verwirrenderweise geben viele auch gerundet 2,4:1 und wegen des Beschnitts in analogen Kinos auch 2,35:1 an – gemeint ist dasselbe. Es ist kaum zu überschauen, wer im Laufe der Jahrzehnte seinen Film in welchem Format drehte, im Endeffekt landen in unseren Heimkinos immer nur die Videoabtastungen, von denen wir hoffen müssen, dass die Techniker beim Mastern alle Maße berücksichtigt haben.

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